Briefwähler contra AfD

Über 44 Prozent für die AfD, die CDU bei rund 18 Prozent. Siegmund, Reichardt, Chrupalla und Weidel befinden sich im Siegestaumel. Dennoch reicht es nicht für einen Durchmarsch der AfD. In rechten Medien wird deshalb bereits vorgebaut und die Erzählung von der Wahlfälschung fortgeschrieben.

Begonnen hatte damit die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ mit einem „Exklusivartikel“ über einen angeblichen Fall von Wahlbetrug. Unter der Üebrschrift „Jemand hat für eine demente 95-Jährige gewählt“ veröffentlichte die Zeitung eine Geschichte, die ihr Klaus-Lothar Bebber, ein ehemaliger Autohändler aus Dessau-Roßlau, zugetragen hatte.

Dessen Tante lebe in einer Seniorenresidenz. Schon zur Bundestagswahl habe er „erste Bedenken" verspürt, dieses Mal aber sei er den Ungereimtheiten jedoch auf den Grund gegangen. Die „Ostdeutsche Allgemeine" berichtete dann unter anderem, dass eine Mitarbeiterin der Seniorenresidenz Bebber am Telefon gesagt habe, „aufgrund von fehlender Zeit" habe sie alle Wahlunterlagen der Heimbewohner eingesammelt und geschreddert. Warum die Frau so freimütig einen Wahlbetrug einräumen sollte, thematisiert der Autor Willy Weyhrauch nicht.

Nur einen Tag später verbreiteten Staatsanwaltschaft und Polizei jedoch eine Pressemitteilung, wonach an den Vorwürfen nichts dran sei. Zur von Bebber behaupteten Demenz seiner Tante heißt es in der Pressemitteilung lapidar: Deren gesundheitlicher Zustand habe sich nicht wie in der Strafanzeige beschrieben dargestellt. Formuliert hatte diese Laurens Nothdurft, Anwalt, AfD-Mitglied und Roßlauer Ortsbürgermeister. Ein Umstand, den die „Ostdeutsche Allgemeine" in allen Artikeln zum Thema verschwieg.

Für „das Netz" war das die Altenheim-Geschichte der lang ersehnte Beweis, dass bei den Briefwahlen systematisch gefälscht werde. Unter anderen die frühere Grünen-Politikerin Antje Hermenau teilte den Artikel auf X.

Und noch während am 6. September die Stimmauszählungen liefen, wurde auf X und anderen Social-Media-Kanälen das Geraune von der gefälschten Briefwahl lauter. Deren Ergebnisse gelten in einschlägigen Kreisen als Beleg dafür, dass hier manipuliert worden sei.

Partei Urnenwahl (%) Briefwahl (%) gesamt (%)
AfD 51,20 24,27 43,79
CDU 14,55 24,30 17,23
Die Linke 7,62 11,03 8,56
SPD 7,69 13,53 9,30
GRÜNE 7,44 12,87 8,93
BSW 5,00 5,97 5,27

Die AfD hinter der CDU, alle anderen Parteien mit Ausnahme des BSW mit deutlich höheren Zustimmungswerten. Wie kann das sein?

Die Erklärung ist denkbar einfach. Die AfD hat ihren Wählern eingetrichtert, dass die Briefwahl unsicher sei – und in der Folge haben diese ihre Stimmzettel lieber selbst in die Urne gesteckt. Die Wähler anderer Gruppierungen hingegen haben sich von dem Gerede nicht beeinflussen lassen – über 27 Prozent stimmten letztlich per Brief ab.

Bislang haben AfD-Poliiker das Narrativ von der „gestohlenen Wahl“ noch nicht aufgerufen.

Es dürfte für sie aber eine Option bleiben. Vor allem, wenn die AfD keine Option zur Regierungsbildung findet.